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Prof. Dr. Emil Kautzsch

Textbibel

Vorwort

Im Jahre 1894 (2. Ausgabe 1896) wurde von dem Unterzeichneten in Verbindung mit zehn Fachgenossen "Die heilige Schrift des Alten Testaments" in neuer Übersetzung herausgegeben. Dieses Bibelwerk verfolgte einerseits den Zweck, "jeder Art von Lesern den Inhalt des Alten Testaments, so wie es mit den Mitteln der heutigen Schriftforschung geschehen kann, in klarem heutigen Deutsch zu vermitteln." Anderseits aber wollte es zugleich einem wissenschaftlichen Bedürfnisse dienen, indem es dem Leser von den Ergebnissen der sogenannten Textkritik und Litterarkritik nähere Kunde gab. Dies geschah teils durch die Verwendung von allerlei Häkchen, Klammern und Punkten, sowie durch Randbuchstaben und Anmerkungen unter dem Text, teils durch die Verwendung größeren und kleineren Drucks, endlich auch durch Beilagen, in denen die Abweichungen vom überlieferten Texte begründet wurden.
Seit dem Erscheinen dieses Bibelwerks, das unterdes weite Verbreitung gefunden hat, ist dem Herausgeber wiederholt nahegelegt worden, den Ertrag desselben noch weiteren Kreisen innerhalb der evangelischen Kirche zugänglich zu machen, aber ohne alle die Zuthaten kritischer Art, die der gewöhnliche Bibelleser nicht nur nicht begehre, sondern vielfach sogar störend, ja ärgerlich finde. Ihm sei es genug, wenn er das Vertrauen haben könne, daß ihm eine mit möglichster Gewissenhaftigkeit hergestellte fließende Übersetzung geboten werde.
Daß dieses Verlangen berechtigt ist, wird niemand leugnen wollen. Man kann von dem guten Recht und der Pflicht wissenschaftlicher Bibelforschung so überzeugt sein, wie es der Herausgeber und seine Mitarbeiter nach wie vor sind, und doch zugeben, daß die Erbauung des Bibellesers durch die zahlreichen Häkchen, Punkte, Klammern und Randbuchstaben in der That empfindlich gestört werden kann. So wurde denn von dem Herrn Verleger und dem Herausgeber die Veranstaltung der vorliegenden "Textbibel" vereinbart. Letzterer Name wurde gewählt, um sie so in der einfachsten Weise von dem größeren Bibelwerke, das den Text mit zahlreichen Zuthaten und Beilagen bietet, zu unterscheiden. Dem Herausgeber liegt es nun ob, von den Grundsätzen, die bei der Herstellung dieser Textbibel maßgebend waren, in Kürze Rechenschaft zu geben.
Die Textbibel bietet im Alten Testament in der Hauptsache die 1894 im größeren Bibelwerke veröffentlichte, 1896 nochmals revidierte Übersetzung. Immerhin hat es auch diesmal an einer nochmaligen Revision des Textes auf dem Wege eingehender mündlicher und schriftlicher Verhandlungen zwischen dem Herausgeber und den Mitarbeitern keineswegs gefehlt. Vielfach zog schon die grundsätzliche Beseitigung aller Punkte, Klammern und sonstiger kritischer Zeichen eine Abänderung des Textes nach sich.
Hierbei ist, wie in der großen Ausgabe, neben der Richtigkeit in allererster Linie volle Verständlichkeit des Textes angestrebt worden. Es ist nicht auszusagen, wie viel Schaden schon durch Übersetzungen gestiftet worden ist, die im vermeintlichen Streben nach Treue und Wörtlichkeit den Leser überaus häufig im Unklaren lassen, was die Übersetzung eigentlich ausdrücken will. Wörtlichkeit und Treue sind ganz verschiedene Dinge. Treu ist eine Übersetzung dann, wenn sie dem heutigen Leser in seiner Sprache möglichst genau das sagt, was der Grundtext vor Zeiten in einer ganz anders gearteten Sprache seinen ersten Lesern sagte. Diesem Ziele ist, soweit es irgend möglich war, in der vorliegenden Übersetzung nach bestem Wissen und Gewissen nachgestrebt worden.
Im Allgemeinen liegt der Übersetzung der von den sogenannten Masoreten, d. h. den jüdischen Schriftgelehrten des 5.-7. Jahrh. n. Chr., endgiltig festgestellte hebräische Text zu Grunde. In allen Fällen aber, wo die wissenschaftliche Textkritik teils aus Parallelstellen des Alten Testamentes selbst, teils aus dem Zeugnisse der ältesten Übersetzungen (so namentlich der griechischen), teils endlich aus dem Nachweis offenbarer Schreiberversehen (durch Verwechselung ähnlich aussehender Buchstaben, Weglassung einzelner Buchstaben oder auch ganzer Wörter und Sätze) eine mehr oder weniger zweifellose Berichtigung des Textes gewonnen hat, ist das Richtige ohne Weiteres in den Text eingesetzt. Was bisher als Zuthat der Übersetzer in Klammern eingeschlossen war, ist dann beibehalten, wenn es zum Verständnis des Textes unentbehrlich und so gleichsam durch ihn selbst geboten war, dagegen weggelassen, wenn es bereits eine Deutung enthielt, die zum Verständnis des Wortlauts nicht unbedingt erforderlich war. Dieser Grundsatz ist um der Konsequenz willen, d. h. zur Vermeidung aller Klammern, schließlich auch da durchgeführt, wo der Leser dringend eine Deutung wünscht, nämlich bei hebräischen Personen- und Ortsnamen, auf deren Bedeutung der Text anspielt oder auch ausdrücklich hinweist. Eine Erklärung derartiger Namen, sowie aller anderen im Texte beibehaltenen hebräischen Wörter (wie z. B. Kerub, Gopherholz, Kesita, Epha, Hin u. s. w.) findet der Leser in dem am Schlusse beigegebenen Verzeichnis.
Die im großen Bibelwerk in kleinerem Druck gebotenen sogenannten Glossen oder späteren Zuthaten zum ursprünglichen Texte sind dann ohne Weiteres beibehalten, wenn sie als absichtliche Erweiterungen zu betrachten sind und an und für sich einen verständlichen Sinn geben. Denn in diesem Falle waren sie als ein Bestandteil des nun einmal so überlieferten Bibeltextes zu beachten. Dagegen sind die aus irrtümlicher Wiederholung von Wörtern oder Sätzen stammenden und dann nicht selten völlig sinnlosen Glossen einfach (wie z. B. Hes. 40,30) weggelassen.
Zu den schwierigsten Erwägungen gab die Behandlung der wegen völliger Dunkelheit oder Textverderbnis unübersetzbaren Stellen Anlaß. Im großen Bibelwerke sind derartige Stellen durch Punkte angedeutet, während in den Anmerkungen die wahrscheinlichste Deutung oder auch der (unverständliche) Wortlaut mitgeteilt wird. In der Textbibel ist der Weg eingeschlagen, daß die wahrscheinlichste Übersetzung - auch wenn sie einen ganz klaren Sinn vermissen läßt - ohne Weiteres in den Text aufgenommen wurde. Nur in ganz wenigen Fällen, wo überhaupt schlechterdings kein Sinn zu gewinnen war, mußte zur Weglassung der fraglichen Wörter gegriffen werden. Wenn auch dieses allerletzte Mittel versagte und der thatsächliche Zustand des Textes nur auf Kosten der Wahrhaftigkeit verleugnet werden konnte, blieb leider nur die Beifügung einer Anmerkung (so zu 4. Mos. 33,40) oder die Verwendung von Punkten (so an Stelle der jetzt ausgefallenen Zahlen 1. Sam. 13,1) übrig.
Als eine nicht unwesentliche Förderung des Verständnisses wird sich hoffentlich die nunmehr konsequent durchgeführte Absetzung aller dichterischen Stücke herausstellen, und zwar nicht bloß der in die Geschichtsbücher eingestreuten, wie 1. Mos. 4,23 ff.; 27,28 ff. u. a., sondern auch der in den Propheten enthaltenen - in Verszeilen, die den einzelnen (zwei oder drei) Gliedern der hebräischen Verse entsprechen. Als eine besondere Art von Versen ist der sogenannte Klageliedervers zu beachten, in welchem jedesmal einem ersten längeren Gliede nach einem Zwischenraum inmitten der Zeile ein kürzeres zweites folgt (vergl. z. B. 2. Kön. 19,21 ff., Klagelieder 1-4 und häufig in den Propheten).
Was die Apokryphen anlangt, so beschränkt sich die Textbibel auf die auch der Lutherbibel beigegebenen Bücher. Der Text ist der von dem Unterzeichneten in Verbindung mit zahlreichen Fachgenossen herausgegebenen Übersetzung der "Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments" (mit Einleitungen, textkritischen Erläuterungen und Anmerkungen; Tübingen 1900, 2 Bde.) entnommen und genau nach denselben Grundsätzen redigiert, wie der der Textbibel des Alten Testaments im Verhältnis zu der größeren Ausgabe. In betreff der bei den Apokryphen zu Grunde liegenden Texte und Handschriften (so z. B. der neuerdings im ursprünglichen hebräischen Text aufgefundenen Kapitel 39-50 des Jesus Sirach), sowie der von den Mitarbeitern verwerteten alten Übersetzungen müssen wir auf jene größere Ausgabe verweisen. Ebenso müßte bei etwaigen Anstößen an Abweichungen der Textbibel von der Lutherbibel ein Aufschluß über die Gründe der Abweichung aus der großen Ausgabe des Alten Testaments entnommen werden. In vielen Stücken dürfte sich schon der Sonderabdruck der Beilagen zu letzterer (Kautzsch, Abriß der Geschichte des alttestamentlichen Schrifttums nebst Zeittafeln zur Geschichte der Israeliten und anderen Beigaben [Maße und Gewichte, Geldwesen, Zeitrechnung], Freiburg und Leipzig 1897) als nützliches Hilfsmittel empfehlen.
Mit Rücksicht auf die Bibelleser, welche die Apokryphen nicht in der Bibel wünschen, sind von dem Herrn Verleger auch Ausgaben ohne die Apokryphen veranstaltet worden.
Zum Schlusse lassen wir ein Verzeichnis der Mitarbeiter und der von ihnen übersetzten Bücher und Abschnitte folgen. Es übersetzte:
D. Friedr. Baethgen †, Konsistorialrat und Professor der Theologie zu Berlin: Hiob, Hoheslied, Klagelieder.
D. Herm. Guthe, Professor der Theologie zu Leipzig: Jes. 1-35, Hosea, Amos, Micha, Habakuk.
D. Adolf Kamphausen, Professor der Theologie zu Bonn: die Bücher der Könige, die Sprüche und das 2. Buch der Makkabäer.
D. Emil Kautzsch, Professor der Theologie zu Halle: das 1.-4. Buch Mose und Josua außer den von Prof. Socin übersetzten Abschnitten, Jes. 36-39, Jona, Nahum, die Psalmen, die Bücher der Chronik, das 1. Buch der Makkabäer.
D. Rudolf Kittel, Professor der Theologie zu Leipzig: die Bücher der Richter und Samuel, das Buch Ruth.
D. Max Löhr, Professor der Theologie zu Breslau: das Buch Tobit und das Buch Judith.
D. Karl Marti, Professor der Theologie zu Bern: das 5. Buch Mose, Joel, Obadja, Haggai, Sacharja, Maleachi, Daniel.
D. Wilh. Rothstein, Professor der Theologie zu Halle: Jeremia, Zephanja, das Buch Baruch, Brief Jeremia's, Stücke in Daniel.
D. Rudolf Rüetschi †, Professor der Theologie zu Bern: der Prediger.
D. Victor Ryssel †, Professor der Theologie zu Zürich: Jes. 40-66, Esra, Nehemia, Esther, das Gebet Manasses, Stücke in Esther, Sirach.
D. Karl Siegfried †, Geh. Kirchenrat und Professor der Theologie zu Jena: Hesekiel, die Weisheit Salomos.
D. Albert Socin †, Professor der orientalischen Sprachen zu Leipzig: 2. Mose 1-24; 32-34. 4. Mose 10,29-12,16. Kap. 21-24. Jos. 1-11.
Zu besonderer Freude gereicht es mir endlich, daß D. Weizsäcker († 1899) behufs Herstellung einer Vollbibel die Beifügung seiner Übersetzung des Neuen Testaments (nach dem Manuscript der neunten Auflage) gestattet hat, in der die Aufgabe einer den heutigen Ansprüchen genügenden Verdeutschung lange vor unserer Bearbeitung des Alten Testaments zu allgemeiner Befriedigung gelöst war.

E. Kautzsch.
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